Spazierst du noch oder waldbadest du schon?

Text von Leona Litterst

 

Vor kurzem klopfte mir auf einer meiner Veranstaltungen zum Thema Waldbaden eine taffe ältere Dame auf die Schulter. Ich drehte mich zu ihr um, lächelte sie aufmunternd an und sie platzte mit den Worten heraus: „Sie bieten also diese Waldbade-Seminare an. Sie müssen wissen, ich gehe schon mein ganzes Leben lang im Wald spazieren.“ Obwohl sie einen Kopf kleiner war als ich, blickte sie mich von oben herab an und fügte hinzu: „Jetzt erklären Sie mir doch mal, ob ich es richtig mache...“

Um ehrlich zu sein – ich war erstmal baff. Klar, als Seminarleiterin erkläre ich häufiger, was Waldbaden eigentlich ist und wie ein „Waldbad“ abläuft. Aber mit solcher Direktheit hatte ich in diesem Moment nicht gerechnet. Ich entschloss mich schließlich, den kleinen Seitenhieb der Dame zu überhören und den Kern der Frage aufzugreifen, die eigentlich dahintersteckt: Ist Waldbaden nicht letztlich ein neuer Begriff für einen ganz normalen Waldspaziergang? Wird eine beliebte und traditionelle Tätigkeit schlicht neu präsentiert und als Trend vermarktet? Ist Waldbaden am Ende also „alter Wein in neuen Schläuchen“?

 

Was ist wirklich dran, am Trend „Waldbaden“?

 

Wandern, Spazierengehen (mit und ohne Hund), Laufen, Mountainbiking, Familienausflüge und Pilze sammeln – all diese Aktivitäten haben eines gemeinsam: Sie finden (auch) im Wald statt. Und das ist gut so, denn der Wald ist aufgrund seiner Vielfältigkeit und seiner wohltuenden Atmosphäre für viele Menschen ein beliebter Ort zur Freizeitgestaltung.

 

Schiebt man nun den Kinderwagen auf dem Weg zur Kita durch den Stadtwald, würde man allerdings kaum behaupten, man wäre ausgiebig durch die Wälder gewandert. Denn Wandern benötigt im Vergleich zum Spazierengehen eine vorherige Planung, eine gute Ausrüstung und Verpflegung. Beim Wandern ist man zudem länger unterwegs und geht weite Strecken. Noch deutlicher wird es in diesem Fall: Geht man „in die Pilze“, war man eben nicht beim downhill mountain biking. Und wenn man seit Jahren spazieren geht, hat man nicht unbedingt im Wald gebadet. An dieser Stelle wird klar: Nicht der Wald als Ort der Aktivitäten unterscheidet diese voneinander, sondern die Art der dort ausgeführten Tätigkeit. Dennoch ist nicht immer klar abzugrenzen, ob man beispielsweise einen längeren Spaziergang gemacht hat und zwischen durch ein mitgebrachtes Sandwich genossen hat oder ob dies bereits eine kurze Wanderung mit Verpflegung war. Die Übergänge zwischen den Tätigkeiten sind also fließend.

 

Drei Dinge

 

Vor einiger Zeit sah ich im Wald eine junge Frau mit Kopfhörern in den Ohren, in einer Hand das Smartphone und in der anderen die Hundeleine. Hätte ich sie gefragt, was sie da macht, hätte sie wahrscheinlich geantwortet: „Ich bin frische Luft schnappen“ oder „ich gehe mir die Füße vertreten“ oder „ich gehe eine Runde mit dem Hund“. Kurz: sie war spazieren.

An einem anderen Tag beobachtete ich zwei ältere Herren, die sich angeregt über ein aktuelles politisches Geschehen unterhielten. Sie gingen langsam einen Waldweg entlang. An einer Bank ließen sie sich nieder. Sie schwiegen einen Moment, in Gedanken versunken. Einige Zeit später führten sie das Gespräch fort. Auch diese beiden war im Wald spazieren.

Für einen Waldspaziergang sind also genau drei Dinge notwendig: erstens ein Wald, zweitens mindestens ein Mensch, der darin Spazieren gehen möchte und drittens ein Weg, den dieser Mensch, meistens zu Fuß, zurücklegen kann.

 

Die Mitglieder eines kleinen Vereins hatten letzte Woche gemeinsam an einem meiner Waldbade-Seminare teilgenommen. Ich hielt die Gruppe dazu an, beim Ankommen im Wald die Welt um sie herum ganz bewusst wahrzunehmen. Wir schlenderten langsam, manchmal gingen wir auch abseits des Weges. Immer mit dem Bewusstsein, dass nicht der Weg das Ziel ist, sondern das Wahrnehmen des Waldes mit all unseren Sinnen. Wir unterhielten uns über den Wald und die Bäume, die Pflanzen und die Tiere, die ihn erst so wunderbar machten. Immer wieder wurden wir still und horchten nach innen. Wir blieben stehen und alle konzentrierten sich ganz bewusst auf ihren Atem, um die Gedanken zur Ruhe zu bringen. Später ertasteten wir die Rinde eines Baumes, nahmen den Geruch eines Bärlauch-Blattes intensiv wahr, konzentrierten uns auf jeden Schritt und auf jedes Geräusch. In einer Meditation kamen wir schließlich ganz im Wald und bei uns selbst an. Wir tauchten tief in die wohltuende und beruhigende Atmosphäre des Waldes ein, wir „badeten“ förmlich in ihr.

Für ein Waldbad braucht es folglich ebenso drei Dinge: erstens einen Wald, zweitens mindestens einen Menschen, der in der Waldatmosphäre baden möchte und drittens Achtsamkeit – für sich selbst, für andere und für den Wald.

 

Bewusstes Sein im Wald

 

Letzten Winter begegnete mir im Wald eine Frau, die mit einem großen braunen Hund unterwegs war. Der Schnee knirschte unter ihren Füßen. Wir kamen ins Gespräch und sie bestätigte, dass es zwar kalt sei, sie sich aber zum Glück warm angezogen habe. Wir kamen auf das Thema Waldbaden zu sprechen. Sie hatte zwar noch nie davon gehört, begann aber begeistert zu erzählen: Vorhin habe sie bemerkt, wie bei jedem Atemzug vor ihr eine Dampfwolke entstand und sie wollte sich intensiv darauf konzentrieren. Dabei wäre sie immer wieder mit ihren Gedanken abgedriftet. Dennoch habe sie versucht fokussiert zu bleiben, um wieder hellwach im Moment zu sein. Zwischendurch habe sie aber immer wieder den Ball für ihren Hund geworfen. Sie fragte mich erstaunt: „Habe ich etwa gerade im Wald gebadet, ohne es zu merken?“

 

An dieser Begegnung wurde mir klar: So wie die Übergänge zwischen Wandern und Spazierengehen fließend sind, so ist auch die Grenze zwischen Spazierengehen und Waldbaden nicht immer eindeutig zu bestimmen. Eine trennscharfe Unterscheidung ist am Ende aber vielleicht auch gar nicht entscheidend. Denn Waldbaden ist nicht das bessere oder eigentlich richtige Spazierengehen. Vielmehr ist diese Diskussion eine Frage danach, warum und wie man im Wald sein will. Welcher Tätigkeit möchte man mit welcher inneren Haltung nachgehen? Waldbaden ist dabei vor allem eines: Eine Übung der Achtsamkeit und damit bewusstes Sein im Wald.