Über Freiheit und Liebe

Text von Leona Litterst

 

 

Ich habe mein Ohr an das Herz

der Erde gelegt.

Sie hat mir von der Liebe zwischen sich

und dem Regen erzählt.

 

Ich habe mein Ohr an das Herz

des Wassers gelegt.

Es hat mir von der Liebe zwischen sich

und seinen Quellen erzählt.

 

Ich habe mein Ohr an das Herz

des Baumes gelegt.

Er hat mir von der Liebe zwischen sich

und seinen Blättern erzählt.

 

Als ich mein Ohr an das Herz

der Liebe selbst gelegt habe,

hat sie mir von der Freiheit erzählt.

 

Sherko Bekas

 

 

 

In diesem Gedicht des irakisch-kurdischen Dichters Sherko Bekas scheint alles in der Natur wie durch ein unsichtbares Band miteinander verknüpft: Erde und Regen, Wasser und Quellen, Bäume und Blätter. Dabei ist dieses Band für Bekas nichts Geringeres als die Liebe selbst und jedes Herz spricht nur von dieser Liebe.

 

Wenn wir uns achtsam in der Natur aufhalten erscheint es uns manchmal als könnten wir dieses unsichtbare Band, das zwischen allem vorhanden zu sein scheint und alles zusammenhält, wie im Gedicht beschrieben auch selbst spüren. Gerade in Zeiten in denen wir uns einsam oder als getrennt von allem erleben kann diese Erfahrung wertvoll sein.

Achtsam im Augenblick zu sein, kann uns dann eine neue Perspektive auf die Welt und uns selbst eröffnen. Und dies kann auch ein Gefühl der Verbundenheit mit allem beinhalten. Das zu erfahren und einzuüben geht eigentlich überall, aber gerade in der Stille der Natur, abseits unseres Alltags, fällt es uns leichter in Kontakt zu kommen.

 

Achtsam sein bedeutet aber auch, sich in jedem einzelnen Moment bewusst zu sein, was im eigenen Inneren und im Äußeren vor sich geht. Und das wiederum beinhaltet, sich nicht von unbewussten und oft schädlichen Verhaltensmustern oder manchmal überwältigend erscheinenden Emotionen gefangen nehmen zu lassen, sondern in jedem Augenblick die Wahl zu haben.

Der Psychiater und Neurologe Viktor Frankl, der während des Zweiten Weltkriegs die Gefangenschaft in mehreren Konzentrationslagern überlebte, fasste dies auf folgende Weise zusammen: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“

 

Diese innere Freiheit ist somit, ungeachtet der äußeren Umstände, in jedem Augenblick da. Wer sich dieser inneren Freiheit bewusst ist, hat die Chance nicht länger bloße Reiz-Reaktions-Muster abzuspulen, wie dies beispielsweise bei meist unbegründeten Ängsten häufig geschieht. Stattdessen öffnet sich ein Raum, der es ermöglicht, sich an sich selbst auszurichten oder vielmehr an der Liebe zu sich selbst. Oder wie Frankl betont: „Die Freiheit ‚hat‘ man nicht – wie irgend etwas, das man auch verlieren kann –, sondern die Freiheit ‚bin ich‘.“

 

Und von beidem, Freiheit und Verbundenheit, erzählt uns die Liebe wenn wir es wagen, ihr zuzuhören.