Warum Achtsamkeit (keine) Probleme löst

Text von Leona Litterst

 

 

In der Stille der Natur suchen viele Menschen Ruhe und Erholung vom zumeist stressigen Alltag. Doch wer bei einem Waldspaziergang Achtsamkeit einüben will und dazu in sich hineinhorcht, findet häufig, anders als erhofft, gar nicht zu Ruhe, Ausgeglichenheit und Entspannung. Gerade wenn im Außen weniger Geräusche zu hören sind, wird die innere Unruhe umso spürbarer. Die Sorgen und Probleme des Alltags holen uns mit ganzer Wucht ein. Vielleicht wollen wir dann flüchten, uns ablenken oder versuchen das sich drehende Gedankenkarussell verzweifelt zu kontrollieren. So wird Achtsamkeit schnell zu etwas Anstrengendem, das aktiv angegangen oder in Zukunft sogar vermieden werden muss.

 

Doch es gibt eine andere, tiefgehende Erfahrung: Sich genau dieser inneren Unruhe aufmerksam und wohlwollend zuzuwenden. Tatsächlich verschwinden Probleme und unangenehme Gefühle in der Achtsamkeitspraxis nicht spurlos und das eigene Leiden kann auch nicht einfach weggewischt werden. Sich dennoch dem zu stellen, was da ist, kann einen Prozess in Gang setzen, der die eigenen inneren Vorgänge gewahr werden lässt. Und dies beinhaltet eben auch die Unruhe, Sorgen, Ängste und all das Leid wahrzunehmen, das man (bislang zumeist) nicht spüren wollte.

 

Irgendwann jedoch findet man sich vielleicht auf der anderen Seite wieder. Achtsamkeit ist dann nicht mehr angestrengtes Tun, sondern Dasein, geschehen lassen und offen sein. Gefühle und Gedanken, alle inneren Regungen aufmerksam, aber distanziert wahrzunehmen, schafft Raum. So kann die Vielgestaltigkeit des eigenen Inneren entdeckt und erkannt werden. Oder wie der persische Sufi-Mystiker Rumi formulierte: „Du bist kein Tropfen im Ozean, du bist ein gesamter Ozean in einem Tropfen.“

 

Doch nicht nur unser eigenes Inneres, sondern auch die Vielfältigkeit der Natur und die Schönheit und das Leid anderer Menschen können wir auf diese Weise deutlicher wahrnehmen. Vielleicht bemerken wir dabei, dass das Verhalten eines Menschen uns gegenüber viel weniger über uns und vielmehr über dessen Leben und innere Haltung aussagt. Und dennoch das Gefühl, das dieses Verhalten in uns auslöst und die Art, wie wir darauf reagieren, auf uns selbst verweisen.

 

Das gilt nicht nur für schmerzvolle Ereignisse. Es ist auch dann der Fall, wenn wir einen Menschen für seine Stärken oder Kenntnisse bewundern und sogar dann, wenn wir uns in jemanden verlieben. Diese als so positiv erlebten Eigenschaften eines anderen Menschen erzeugen in uns eine Resonanz. Wir entdecken etwas im anderen, das wir eigentlich in uns selbst tragen, und sei es nur als zarter Beginn. Auf diese Weise können wir uns im anderen selbst neu entdecken – in Rumis Worten: „Die Schönheit, die du in mir siehst, bist du.“

 

Doch manchmal verhalten wir uns genau den Menschen gegenüber abweisend, besitzergreifend, neidisch, anklammernd oder sogar widersprüchlich, die wir insgeheim schätzen oder denen wir eigentlich nah sein wollen. Dabei sind wir uns vielleicht nicht bewusst, dass wir getrieben sind von der Angst zu verlieren, was wir als kostbar erachten und vom Schmerz über das, was wir selbst momentan (noch) nicht leben können. Doch die als positiv empfundenen Eigenschaften gehen einher mit den als weniger angenehm erlebten Gefühlen. Sie können folglich erst dann erkannt und gelebt werden, wenn wir in uns hineinhorchen und ausnahmslos allem in uns zuwenden. Achtsamkeit kann damit keine schnellen Problemlösungen bieten, sondern auf diese Weise als Hinwendung zu sich selbst und zu anderen verstanden und gelebt werden.