Halt in unsicheren Zeiten

Text von Leona Litterst

 

Wir befinden uns in turbulenten Zeiten, geprägt von Quarantäne-Maßnahmen, drohenden Ausgangssperren und körperlicher Distanz. Vieles, was in unserem Leben bislang Struktur versprach und nicht in Frage gestellt wurde, scheint plötzlich wegzubrechen. Für einige Menschen bedeutet die aktuelle Situation daher, auf eine bisher nie erfahrene Weise auf sich selbst zurückgeworfen zu sein. Das kann auch verbunden sein mit einem Gefühl des Unbehagens bis hin zu Angst vor Einsamkeit oder Isolation.

 

Vieles von dem, was bislang als unumstößlich galt, scheint nun unsicher. Aber selbst wenn wir diese unbequeme Tatsache oft von uns weisen, so wird uns in solchen Zeiten umso bewusster, dass eigentlich in jedem Moment des Lebens alles wegbrechen kann, was bislang zu halten vermochte: Arbeitsplatz und Kolleg*innen, Finanzen, Status, Freund*innen, Familie, Partnerschaft, Gesundheit etc. Strukturen können sich auflösen. Dann drängen sich Fragen vehement auf und wir sind oft verzweifelt auf der Suche nach Antworten oder klammern uns an alles, was vermeintlich doch noch zu halten verspricht.

 

Doch gerade dann, wenn alles wegzubrechen scheint, ist eben nicht alles verloren. Denn genau dann sind wir dem, was uns wirklich bewegt, meist viel näher. Wenn wir es jetzt wagen uns auf das Gefühl der Unsicherheit wirklich einzulassen, kann sich eine ganz neue Erfahrung, ein tieferes Bewusstsein, einstellen. Dann können schwierige Situationen ungeahnte Chancen für uns bereithalten, oder wie Rilke schreibt: „Unsere tiefsten Ängste sind Drachen vergleichbar, die unsere tiefsten Schätze bewachen.“

 

Tatsächlich lädt uns das Leben in diesen Momenten dazu ein, uns selbst neu und tiefer zu ergründen, zu entdecken und zu erfahren. Es fordert uns auf, nicht weiter nach vermeintlichen Sicherheiten zu rufen oder immer lautere Fragen zu stellen. Wenn wir stattdessen innehalten, still werden und zuhören richtet das Leben seine Frage an uns: Bist du bereit, Dich selbst zu halten?

 

In den letzten Versen ihres wohl bekanntesten Gedichts „Die Einladung“ (engl. Originaltitel "The Invitation"), stellt die kanadische Schriftstellerin Oriah Mountain Dreamer diese Frage auf ganz wunderbare Weise: „[...] Ich will wissen, was Dich von innen hält, wenn sonst alles wegfällt. Ich will wissen, ob Du allein sein kannst und in den leeren Momenten wirklich gerne mit Dir zusammen bist.“

 

Ich wünsche allen eine gute und vor allem gesunde Zeit!