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Mosaik aus Achtsamkeit

Text von Leona Litterst

 

 

Mein Leben

 

Dein Leben ist ein Mosaik

aus abertausend bunten Steinen,

aus Freude, Seligkeit und Glück,

aus Lachen und aus Weinen.

 

Aus still versonnenen Musestunden,

aus Sternen, die du selbst gepflückt,

aus Liebe, die dich fest gebunden,

die dich umhüllt und still beglückt.

 

Aus Stolpersteinen und Beschwerden,

aus leicht verbrämtem Alltagsgrau,

aus Steinen, die zu Brücken werden,

aus dicht gewebtem Hoffnungsblau.

 

Aus edlen Steinen voller Feuer,

aus Kunst, aus Geist und Phantasie

und aus dem Mut zum Abenteuer,

aus Freundschaft und aus Sympathie.

 

Aus Wundern, die den Wegrand säumen,

aus froh verschenkter Herzlichkeit,

vergangenen Bildern, wachen Träumen,

aus Intuition und Offenheit.

 

Und aus Reichtum der Gedanken,

aus deines Wesens Urgestein,

aus glauben, bitten, segnen, danken,

da reiht sich leise Stein für Stein.

 

Emmy Grund

 

 

Wären all unsere Gedanken, Gefühle, Vergangenes und Träume wie im Gedicht von Emmy Grund kleine bunte Mosaiksteine, würden wir sie Stein für Stein jeden Tag aneinanderreihen. So ergäbe unser gesamtes Leben ganz allmählich ein individuelles Muster. Dann könnten wir wie ein*e Künstler*in von Zeit zu Zeit ein paar Schritte von unserem Kunstwerk zurücktreten, Abstand nehmen und Raum zwischen uns und unserem Werk lassen. Auf diese Weise könnten wir all unsere Empfindungen, ja unser gesamtes Leben aus einer neuen und umfassenderen Perspektive betrachten.

Ein Bild von Mosaik

In der Achtsamkeitspraxis tun wir genau das: Wir lassen zu allem, was uns innerlich und äußerlich beschäftigt etwas Distanz und betrachten es aus einem neuen Blickwinkel. Wir beobachten Gedanken, Gefühle und alle inneren Empfindungen wohlwollend und ohne zu urteilen, quasi aus der Vogelperspektive. Dadurch relativieren sich viele Dinge: Manches, das im eigenen Leben sehr groß erscheint, ist vielleicht kleiner als bislang gedacht und manch Kleines, das bislang vielleicht übersehen wurde, kann entdeckt und ausgeweitet werden. So erkennen wir Stück für Stück, was für uns selbst wirklich wichtig ist.

Aus der Distanz erkennen wir zudem das ganze Bild und können es so in einen größeren Zusammenhang stellen. Emanuel Geibel brachte dies in einem seiner Gedichte zum Ausdruck: „Die Zeit ist wie ein Bild von Mosaik, zu nah beschaut, verwirrt es nur den Blick. Willst du des Ganzen Art und Sinn verstehn, so musst du's, Freund, aus rechter Ferne sehn.“

Zwischenräume

Mit etwas Abstand betrachtet, verschiebt sich unsere Wahrnehmung dann vielleicht auf etwas, das wir bislang noch gar nicht beachtet haben: Die Zwischenräume. Plötzlich fällt uns auf: da sind Lücken zwischen zwei Mosaiksteinen, Pausen zwischen zwei Gedanken und Ruhephasen zwischen flüchtigen Emotionen.

So wandert unsere Aufmerksamkeit weg von all den geschäftigen Gedanken und Empfindungen, hin zu bisher unbemerkten Bereichen. Zuerst kann es wenig lohnend erscheinen – vielleicht sogar langweilig – „nur“ auf das Dazwischen zu achten. Doch bei längerer Betrachtung wird immer deutlicher: Die Zwischenräume sind es, die das Mosaik in seiner eigentlichen Form erst ermöglichen. Sie sind der Kitt, der alles zusammenhält, der Struktur ermöglicht und jeden Stein an seinem Platz hält. Mehr noch: Diese Zwischenräume sind nicht voneinander getrennt oder unabhängig. Sie sind miteinander verbunden und bilden einen einzigen Raum, der alle Steine beinhaltet. Ein Raum der Leere und Stille, aus Nichts und Vollkommenheit.

Was wirklich ist

Dann sind wir achtsam im Moment. Wir reihen nicht länger wenig beachtete Steine wie zufällig aneinander. Stattdessen erkennen wir das komplette Mosaik aus bewusst wahrgenommenem, farbenprächtigem Urgestein und vollkommenem, stillem Zwischenraum. Dann sind wir viel weniger an bisherige Glaubenssätze oder emotionale Muster gebunden. Wir haben die Möglichkeit bewusst zu erkennen, was wirklich da ist.

 

Und so wie ein*e Künstler*in mit jedem schillernden Stein eine neue Facette in einem Mosaik hervorbringt, können wir mittels achtsamer Präsenz unser ureigenes Lebenswerk aus uns selbst heraus und durch uns selbst in der Welt verwirklichen – dann sind wir Künstler*in, Betrachter*in und Kunstwerk zugleich.