Masken

Text von Leona Litterst

Don't be fooled by me.

Don't be fooled by the face I wear

for I wear a mask, a thousand masks,

masks that I'm afraid to take off,

and none of them is me.

 

Auszug aus dem Gedicht „Please Hear What I'm Not Saying“ von Charles C. Finn, September 1966

Lass dich nicht von mir narren.

Lass dich nicht durch das Gesicht täuschen, das ich mache, denn ich trage eine Maske, tausend Masken,

Masken, die ich fürchte abzulegen

und keine davon bin ich.

 

Übersetzung des Auszugs aus dem Gedicht „Please Hear What I'm Not Saying“ von Charles C. Finn


Zurzeit sind die Gesichter halb verdeckt. Menschen tragen Masken, zum Schutz vor einer möglichen Ansteckung. Mund und Nase bleiben verhüllt, und so treffen sich die Augen jetzt häufiger. In Bruchteilen von Sekunden ist man versucht an ihnen abzulesen, was doch meist hinter der schützenden Hülle verborgen bleibt. Ein freundliches Lächeln etwa oder ein aufmunterndes, aber fast stummes „Hallo“. Wenig dringt nach innen oder außen, nur gefilterte Luft. Denn die Gefahr, gegen die wir uns abzuschirmen versuchen, ist unsichtbar.

 

Dabei sind die Masken, die man sieht, so vielfältig wie die Menschen, die sie tragen: Weiße, blaue und grüne OP-Masken, Masken aus Papier oder Vliesstoff, selbstgenähte Atemschutzmasken aus bunter Baumwolle, manchmal auch ein umgebundener Schal mit Blumenmuster oder ein lässig getragenes Tuch. „Es gibt mehr Masken als Gesichter“ ist ein Zitat des Philosophen Emanuel Wertheimer (1846-1916), das im Kontext der Pandemie eine ganz neue Bedeutung erfährt.

 

Selbstverständlich bezog sich Wertheimer zu seiner Zeit nicht auf Atemschutzmasken gegen Coronaviren. Er deutet auf etwas hin, das nicht nur in Krisenzeiten unser Leben prägt: Wir alle tragen, symbolisch gesprochen, Masken – jeden Tag.

Wir tragen Masken und bleiben auf Distanz. Wir decken ab, was vor dem Blick der anderen verborgen bleiben soll. Wir verhüllen unser wahres Gesicht, weil wir glauben uns vor dem Urteil anderer schützen zu müssen. Oder wir glauben damit die anderen vor uns selbst zu schützen. Nicht nur die Pandemie lässt uns spüren, wie fragil und wie verletzlich wir eigentlich sind.

 

Innere Masken bilden also Schutzwände und verhindern Angriffe. Gleichzeitig sind sie jedoch Mauern, die echten Kontakt erschweren und hinter denen vieles verborgen bleibt – ein zaghaftes freundliches Lächeln etwa.

Auch wirken innere Masken wie Filter. So zensieren wir vieles von dem, was wir denken oder wie wir uns wirklich fühlen und passen uns an die vermeintliche Wahrheit an. Gleichzeitig übertragen wir unsere eigenen inneren Begrenzungen auf alles um uns herum, nehmen die Welt durch Schablonen wahr und halten dies für die Realität. Wir lassen nur an uns heran, was durch den eigenen Filter passt, alles andere wird ausgeblendet.

 

Wer aufmerksam ist, kann zurzeit allerdings auch ein ganz anderes Bild beobachten: Menschen verlassen Gebäude und nehmen erleichtert ihre Schutzmasken ab. Endlich weg damit, raus an die frische Luft und durchatmen!

Und genau das können wir auch mit unseren inneren Masken tun: Sie abnehmen, und sei es nur für einen kurzen Augenblick oder von Zeit zu Zeit. Mutig zu sein, zu dem zu stehen, wer wir sind, was wir denken oder wie wir uns wirklich fühlen, bedeutet mehr und mehr auf Maskeraden zu verzichten. Es bedeutet Vorstellungen von uns selbst und von anderen loszulassen. Und es bedeutet Konzepte, die wir von Schuld, Angst aber auch Liebe usw. haben als solche zu erkennen und ebenfalls loszulassen.

 

Entgegen der ersten Vermutung nimmt unser Gefühl des Unbehagens und der Verwundbarkeit erstaunlicherweise ab, wenn wir ehrlicher mit uns selbst und anderen sind und unsere eigenen Projektionen durchschauen. Auf innere Masken zu verzichten kann zwar beängstigend, aber eben auch befreiend sein.

Wenn die Fassade anfängt zu bröckeln, bringt das zumeist etwas sehr Wertvolles in uns hervor, wie eine Perle in einer sich öffnenden Muschel. Wir finden Stärke gerade dort, wo wir sie am wenigsten vermutet hätten: in unserer Verletzlichkeit.