· 

Achtsamkeit und Meditation – Zwei Wege?

Meditation

In vielen Kulturen und Religionen wird die Meditation als spirituelle Praxis gelebt. Dabei gibt es sowohl die aktive als auch die passive Meditation. Einige der bekanntesten Formen sind das Yoga, die christliche Kontemplation, die Mantra-, Metta-, Vipassana- und die Zen-Meditation. Regelmäßig praktiziert führt Meditation zu einem aufmerksamen, zugewandten und friedlichen Umgang mit sich selbst und anderen. Im Folgenden werde ich mich vor allem auf die Zen-Praxis beziehen.

Zen

In der Zen-Praxis beispielsweise werden drei Komponenten unterschieden: Zazen, Kinhin und Samu. Zazen ist das "Sitzen in Stille". Dabei wird die Aufmerksamkeit auf den Körper oder den Atem gelenkt und dort gehalten. Durch dieses Gegenwärtigsein kann das Dasein im Hier und Jetzt erfahren werden. Kinhin ist eine Form der Gehmeditation und damit die Übung des achtsamen Gehens. Samu hingegen bezeichnet das achtsame Arbeiten.


Zen hat seine Wurzeln zwar im Buddhismus, ist aber im Grunde an keine Religion oder Philosophie gebunden:


"[...] Zazen ist keine intellektuelle Lehre, keine großartige Philosophie, auch keine Metaphysik [...], sondern es ist die unmittelbare Verkörperung von dem, was ist. Als unmittelbare Verkörperung von dem, was ist, fügt das Zazen dem, was ist nichts hinzu, nimmt ihm auch nichts weg."

Alexander Poraj (Impuls-Video: "Ist Zen die Quintessenz des Buddhismus?", YouTube-Kanal Benediktushof)


Zentral in der Zen-Meditation ist das Ein- und Ausatmen, das Annehmen und Loslassen. Der Fluss des Atems wird dabei nicht gelenkt, sondern lediglich beobachtet. Aufkommende Gedanken und Gefühle werden wahrgenommen, aber nicht verfolgt. Dies kann tiefe Transformationsprozesse einleiten. Illusionen und Konzepte, die wir von uns selbst und der Welt haben, werden als solche erkannt. Was dann übrig bleibt ist klare Wirklichkeit. Die Zen-Praxis macht diese Wirklichkeit für jeden einzelnen Menschen in der Meditation erfahrbar.

Achtsamkeit

Die Achtsamkeitslehre entstammt ebenfalls den buddhistischen Schulen. Schaut man in den Duden, so findet man unter dem Begriff „achtsam“ folgende zwei Bedeutungen: 1.) aufmerksam, wachsam und 2.) vorsichtig, sorgfältig. Der achtsame Weg ermöglicht also einen aufmerksamen sowie sorgfältigen und damit zugewandten und friedlichen Umgang mit sich selbst und anderen. Er bezieht alle körperlichen Sinne, aber auch Geist und Atmung ein und bewirkt dadurch eine Veränderung des Bewusstseins.

Achtsamkeit ist als umfassende und wache Aufmerksamkeit zu beschreiben – eine Haltung, die vollkommen klar und gegenwärtig ist. Solche Bewusstseinszustände erfahren die meisten Menschen von Zeit zu Zeit, jedoch zumeist nur für kurze Momente. In der Achtsamkeitspraxis werden sie eingeübt und kultiviert.

Im Kern geht es darum, mit allem Inneren und Äußeren aufmerksam, annehmend und mitfühlend umzugehen. Dazu zählen aufkommende Gefühle (auch vermeintlich negative, wie Wut, Schmerz oder Trauer), Gedanken (beispielsweise Bewertungen, Urteile, Wünsche oder Vorstellungen) sowie unser Körper (auch  mit vermeintlichen Mängeln oder körperlichen Schmerzen).


Nach Jon Kabat-Zinn ist Achtsamkeit „Das Gewahrsein, das entsteht, wenn wir unsere Aufmerksamkeit absichtlich auf den gegenwärtigen Moment richten – ohne zu urteilen."


Eine moderne Methode der Achtsamkeit entwickelte der Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn in den 1970er Jahren: Mindfulness Based Stress Reduction (MBSR), also Stressbewältigung durch Achtsamkeit. Das mehrwöchige MBSR-Programm ist aus der buddhistischen Achtsamkeitslehre heraus entwickelt worden. Dabei wurde es von der spirituellen Dimension jedoch abgespalten. Durch MBSR wurde die Achtsamkeit im westlichen Kulturkreis bekannt. MBSR ist mittlerweile wissenschaftlich gut untersucht. Sie wird heute auch im Kontext von Psychotherapie, Medizin und Pädagogik weltweit angewendet und gelehrt.

Wegloser Weg

Meditation und Achtsamkeit können genauer betrachtet also nicht als verschiedene Wege zum selben Ziel ausgelegt werden. Zum einen ist die Achtsamkeitslehre eine grundlegende Komponente der im Buddhismus wurzelnden spirituellen Praxis. Sie ist damit in allen buddhistischen Formen der Meditationspraxis bereits enthalten. Die meisten Meditationsformen gründen folglich unter anderem auf Achtsamkeit, gehen jedoch über die reine Achtsamkeitspraxis hinaus.

Zum anderen ist Achtsamkeit als modernes MBSR zwar an die buddhistische Lehre angelehnt, aber von der spirituellen Erfahrung weitestgehend losgelöst. Dies führt dazu, dass MBSR als Programm auf verschiedenen Übungselementen basiert und ein klar definiertes Ziel verfolgt: Die Stressbewältigung.

Im Zen hingegen gibt es kein eigentliches Ziel. Zen kann daher auch nicht als "Weg" im engeren Sinn aufgefasst werden, sondern nur paradox als "wegloser Weg". Das liegt daran, dass Zazen kein "Programm", im Unterschied zu MBSR, verfolgt, sondern eine Praxis darstellt, die sich immer nur im Tun vollzieht.

Das unverfälschte Sehen wie die Dinge wirklich sind führt in der Zen-Praxis unweigerlich zu entsprechend mitfühlendem und klarem Handeln im Alltag. Zazen eröffnet ein tiefes Gefühl der Verbundenheit mit allen Wesen, auch mit den Tieren, den Pflanzen und dem Unbelebten. Diese Verbundenheit entspringt erst einer Haltung der Achtsamkeit, aber auch der des Mitgefühls. So kann die mystische Erfahrung universeller Einheit erlebt werden, was auch als "Erwachen" oder "Erleuchtung" (Kenshō, Satori) bezeichnet wird.


Allerdings: die Erfahrung des "Erwachens" ist im Zen kein anzustrebendes Ziel, auch wenn sie erlebt werden kann. So muss Zazen eigentlich auch nicht geübt werden, denn der Augenblick ist kein fernes zukünftiges Ziel auf das man hinarbeitet, sondern er ist immer gegenwärtig. In diesen Augenblick hinein können wir jeder Zeit erwachen. Wir brauchen dazu nicht erst etwas zu erreichen, denn wir sind immer schon "da". Zen bedeutet jeden einzelnen Moment bewusst zu (er-)leben, so wie er gerade ist. Und das geht immer – jetzt!